Gemeinsame Auswertung von schriftlichen Textproduktionen

"Wenn alles schläft und einer spricht, den Zustand nennt man Unterricht." (Wilhelm Busch)

Dieser Zustand entsteht z.B. oft, wenn man eine schriftliche Textproduktion wie literarische Erörterung, dialektische oder lineare Erörterung zu einem Sachthema, Analysen oder auch kreative Schreibaufträge als Hausaufgabe aufgegeben hat und in der Folgestunde ein oder zwei Schüler ihren Beitrag vorlesen. Um zu vermeiden, dass manche Schüler dabei passiv werden, ist es wichtig, alle Schüler zu aktivieren und in den Auswertungsprozess einzubeziehen. Folgende Verfahren bieten diesbezüglich Möglichkeiten.

Moderationsmethode

Die Schüler bilden Gruppen nach Möglichkeit zu je 4 Teilnehmern. Nach textsortenspezifischen Aufträgen trägt jeder Schüler in der Gruppe Aspekte aus seinem Aufsatz vor, die auf Moderationskärtchen festgehalten werden. Im Anschluss an diese Sammelphase präsentiert jede Gruppe ihre Aspekte. Die Kärtchen können vom Lehrer eingescannt und den Schülern als Musterlösung z.B. auf einer Lernplattform zur Verfügung gestellt werden. 
Durch Verwendung von Moderationskarten unterschiedlicher Farbe und unterschiedlicher Form kann die Textstruktur zudem visualisiert werden.

Beispiele:
Bei einer dialektischen Erörterung können die Pro-Argumente auf rechteckige grüne Kärtchen und die Contra-Argumente auf rechteckige rote Kärtchen notiert werden. Die Lösungsvorschläge der Synthese können auf gelben Ovalen festgehalten werden.

Bei einer literarischen Erörterung können die Aspekte des Hauptteils auf rechteckige hellblaue Kärtchen notiert werden (bei einer zweiteiligen Aufgabenstellung können weiße und hellblaue Karten verwendet werden) und die Auswertung auf gelbe Ovale.


Peer Evaluation mit Hilfe von Komplimentekärtchen

Die Schüler bilden Gruppen zu je 3 oder 4 Teilnehmern. Jede Gruppe erhält Komplimentekärtchen, mit denen man Rückmeldung bzgl. textspezifischer Kriterien geben kann. Jedes Gruppenmitglied liest seine Textproduktion vor und nachdem alle Beiträge präsentiert wurden, entscheidet die Gruppe, wer welches Komplimentekärtchen erhält. Mehrfachnennung ist möglich.

Beispiel:
Als kreativer Schreibauftrag haben die Schüler zu einem Ereignis in einer literarischen Ganzschrift einen Zeitungsartikel verfasst. Mit Hilfe dieser Komplimentekärtchen können die Artikel in der Gruppe bewertet werden.

 

Als Abschluss kann man den Artikel vorlesen lassen oder auch auf einer Lernplattform zur Verfügung stellen, der die meisten Komplimente erhalten hat.  

Kriteriengeleitete Peer Correction

Die Schüler bilden Gruppen nach Möglichkeit zu je 4 Teilnehmern. Jeder soll die Beiträge der Mitschüler nach einem bestimmten Kriterium überarbeiten. Dafür erhält jede Gruppe Kriterienkärtchen, aus denen sich jeder Schüler ein Kriterium auswählt, das er seiner Meinung nach am besten bewerten kann. Nach dieser Wahl werden die Aufsätze in Form eines Textkarussells in der Gruppe weitergereicht und bewertet. 

Bei nur drei Schülern in einer Gruppe überarbeitet jeder Schüler zunächst seine eigene Textproduktion nochmal nach einem bestimmten Kriterium (z.B. ob die Präposition a vor das Objekt gestellt wurde, wenn es sich bei dem Objekt um eine Person handelt).  

Beispiel:
Diese Kriterien dienen zur kooperativen Überarbeitung von Analysen von Karikaturen oder Statistiken.

Bei einer dialektischen Erörterung kann das erste Kärtchen durch dieses ersetzt werden.

Evtl. bestimmt jede Gruppe einen Aufsatz, der nach Überarbeitung im Plenum vorgestellt wird. Die Mitschüler erhalten den Auftrag, zu kontrollieren, ob die Gruppe sorgfältig den Text nach den vorgegebenen Kriterien korrigiert hat.

Stärken-Schwächen-Analyse

Jeder Schüler bewertet die Arbeit eines Mitschülers in Bezug auf Stärken und Schwächen. Er versieht dabei die Textproduktion mit Anmerkungen, z.B. "La próxima vez podrías... Pero me ha gustado..."

Dafür kann die Lehrperson alle Aufsätze einsammeln, mischen und wieder austeilen (erhält ein Schüler seinen eigenen Text, wird in der Bankreihe neu gemischt). Auf diese Weise kontrollieren nicht immer dieselben Partner die Aufgaben. Man kann allerdings auch die Beiträge nur zwischen Banknachbarn tauschen lassen.

Vernissage

An einer Pinnwand oder an der Tafel werden die Aufsätze der Schüler befestigt, so dass sich jeder die Beiträge der Mitschüler ansehen kann. Bei größeren Klassen bzw. Kursen können auch Gruppen gebildet und die Beiträge auf Tischen ausgelegt werden. Jeder Schüler soll nun zwei Beiträge bewerten, indem er einen Kommentar / eine Anregung zu dem Aufsatz notiert. 


Achtung!

Bei den vorgestellten Möglichkeiten ist es wichtig, die Vorgehensweisen zu variieren, da sonst auch bei diesen Methoden Langeweile aufkommt.

Ebenfalls wichtig ist es, eine Aufgabe vorzubereiten für die Schüler, die krankheitsbedingt oder aus anderen Gründen keine Hausaufgaben angefertigt haben. Z.B. bietet es sich an, dass diese Schüler gemeinsam eine Mindmap zu einem Aspekt der Unterrichtsreihe erstellen, die evtl. ebenfalls den Mitschülern zur Verfügung gestellt werden kann.

MHL 2015