Mit digitalen Medien besser lernen?

Da immer wieder diskutiert wird, ob Lernen mit digitalen Medien einen Mehrwert bringt, möchte ich hier meine persönlichen Erfahrungen und meine persönliche Meinung dazu festhalten. An meiner Schule arbeite ich mit schuleigenen iPads und je nach Präferenz der Schülerinnen und Schüler auch mit dem System BYOD im Unterricht. Einige unserer Aktivitäten dokumnetiere ich in einem Blog. Dieser Blogpost ist Teil der Blogparade, zu der Christian Ebel über Twitter aufgerufen hat.

Vermeidung eines Medienbruchs

Im privaten Bereich erfolgt die Informationsrecherche in den meisten Fällen über das Internet. Daher entspricht schulisches Lernen mit digitalen Medien dem natürlichen Verhalten, was den Lernprozess erleichtert.

Individualisierung des Lernprozesses

Mit Hilfe digitaler Medien lassen sich Lernprozesse auch in großen Lerngruppen ohne großen Aufwand individualisieren. Man kann  Freiräume gestalten in Bezug auf:

  • die Wahl des Eingangskanals bei der Informationsaufnahme (Audio-, Video-, Bild-, Textdokument)
  • die Wahl der Ergebnispräsentation (Folienpräsentation, digitales Plakat, Mindmap, Sketchnote, Podcast, Hörspiel, Video…)
  • die Themenwahl (Lernende können wählen, welche Facetten eines übergeordneten Themas sie gerne bearbeiten möchten, da das Internet Informationsquellen bietet und der Lehrende nicht vorher Material zur Erarbeitung vorbereiten und zu Beginn der Unterrichtsreihe bereitstellen und dadurch Unterthemen bereits festlegen muss)
  • die Lerngeschwindigkeit und individuelle Verstehenslücken (digital zur Verfügung stehendes Material kann so oft durchgesehen werden, wie nötig ist; z.B. bei Audio- und Videodokumenten kann jeder individuell bestimmte Sequenzen wiederholen)
  • den Schwierigkeitsgrad (durch Integration von digitalen Übungsangeboten in Lernplattformen entsteht eine digitale Lerntheke, bei der jeder nach Bedarf Aktivitäten auswählen kann)
  • ...

Da digital Informationsquellen und Arbeitshilfen wie Wörterbücher oder Formelsammlungen direkt zur Verfügung stehen, fördert digitales Lernen die Lernerautonomie. Inhalte können selbstständig erarbeitet werden. Dies ermöglicht, dass jeder seinen Lernprozess individuell gestalten kann, was die Basis ist für lebenslanges Lernen.

Lernen durch Motivation

Motivation bewegt uns zum Handeln und steuert unser Verhalten. Wer motiviert ist, nimmt eine positive Haltung gegenüber dem Lerngegenstand ein, was sich ebenso positiv auf die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit auswirkt. Die Verwendung digitaler Medien stellt dabei motivationales Potenzial dar, das es zu nutzen gilt. Motivation entsteht:

  • da digitale Endgeräte genutzt werden dürfen, die auch privat das bevorzugte Medium darstellen
  • durch das in der Regel ansprechende Layout / Design von Lerninhalten oder Lernarrangements
  • durch Gamification von Lernprozessen
  • durch Individualisierung der Lernprozesse und damit verbundene Frustreduzierung
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Soziales Lernen

Kollaborative Tools ermöglichen die Zusammenarbeit der Lernenden auch in großen Lerngruppen. Analog können z.B. nicht 30 Lernende an an der Erstellung eines Lernplakates gleichzeit arbeiten. Die Individualisierung der Lerprozesse ermöglicht darüber hinaus, dass in einem gewissen Rahmen Interessensschwerpunkte gesetzt werden können und demnach jeder seine Stärken einbringen kann. Dies ermöglicht Lernen nach konnektivistischem Prinzip. Ressourcen werden effektiv genutzt und durch die Förderung einer Share-Haltung werden soziale Kompetenzen geschult, die sowohl im späteren beruflichen wie auch privaten Bereich essentiell sind.

Ubiquitäres Lernen

In der Regel haben jugendliche Lerner immer ein mobiles Endgerät dabei (s. JIM-Studie 2014). Dadurch haben sie jederzeit und an jedem Ort Zugriff auf Lerngegenstände, was bei dem Schulheft nicht und bei dem Lehrwerk nicht immer (nicht jedes Lehrwerk steht als digitales Schulbuch zur Verfügung) der Fall ist. Somit können z.B. auch Warte- oder Fahrzeiten effektiv zum Lernen genutzt werden. Sind Lerner analog vom Lernprozess ausgeschlossen, wenn die Unterrichtsmaterialien z.B. während eines Wochenendausflugs zu Hause vergessen wurden, können mit digitalen Materialien dennoch Lerninhalte während zur Verfügung stehender Zeit wiederholt oder Arbeitsaufträge erledigt werden.

Mehr Zeit zum Lernen durch digitale Medien

Vor allem im organisatorischen bzw. administrativen Bereich ermöglicht die Verwendung digitaler Tools zeitökonomische Verfahren, wodurch  die Unterrichtszeit effektiver für das Lernen genutzt werden kann. Arbeitsabläufe und Arbeitsergebnisse können mit Hilfe digitaler Tools direkt dokumentiert und allen verfügbar gemacht werden. Durch Verwendung von QR-Codes hat man direkten Zugriff auf das gewünschte Dokument, das ggf. im Lesezeichen-Ordner des Internetbrowsers oder zu dem Home-Bildschirm hinzugefügt werden kann. Zur Vergabe von Referatsthemen, Verteilung von Aufgaben oder ähnlichen organisatorischen Abläufen können z.B. Spreadsheets genutzt werden. Die Schülerinnen und Schüler tragen sich selbstständig zeitgleich in die Tabelle ein. Damit sind die Entscheidungen direkt festgehalten und jederzeit einsehbar. Bei digitalen Lerntheken entfällt der Auf- und Abbau, da die Materialien direkt digital zur Verfügung stehen. Diese Zeit kann für Erarbeitungs- sowie Anwendungsphasen genutzt werden. 

Mit digitalen Medien besser lernen? Ja, aber...

Natürlich führt der Einsatz digitaler Medien allein nicht zu erfolgreichem Lernen. Wichtig sind didaktische Konzepte, die die Besonderheiten und Möglichkeiten digitalen Lernens berücksichtigen statt analoge Formate einfach auf digitale Werkzeuge zu übertragen. Des Weiteren geht es nicht ohne sorgfältig erstellten oder ausgewählten Content. Ein ansprechendes Layout motiviert vielleicht zur Auseinandersetzung mit Inhalten. Jedoch müssen diese auch vorhanden sein. Und im Mittelpunkt steht der Lerner. Um die Möglichkeiten digitalen Lernens effektiv zu nutzen, muss Medienkompetenz geschult und Wissensmanagement erlernt werden. 


P.S.: Dies stellt nur einen kleinen Ausschnitt meiner positiven Erfahrung dar. Ich bemühe mich, die Liste nach und nach zu vervollständigen.

MHL 2015